photo sharing and upload picture albums photo forums search pictures popular photos photography help login
Agnes T. Ackerl | all galleries >> Landscapes & Travels >> Vienna >> Viennese Prater Impressions >
previous | next

Es war einmal ein kleines Boot. Das lebte in einem Planschbecken in einem
Vergnügungspark.
Das Becken war wirklich sehr klein und die Boote, so etwa zehn an der Zahl,
waren dazu da von Besuchen mit Wasser abgeschossen zu werden. Gelegentlich
also, wurde unser kleines Boot mit Wasser bespritzt, so dass es fast drohte
unterzugehen.

Dann träumte es. Es träumte von hohen Wellen, tosender Gischt und Meer
soweit das Auge reichen konnte. Dabei stieß es gelegentlich an den Rand des
kleinen Beckens.
Alleine unter den Sternen durch kristallklare Nächte zu treiben, am Tag das
Gekreische der Möwen zu hören, frei zu sein, das war sein größter Traum. Ein
Traum, den es schon hatte als das erste Holzstück gesägt wurde aus dem es
gebaut worden war.

Eines morgens, kurz nach einer langen Nacht fragte das kleine Boot Nummer
Zwei, ob es sich nicht auch wünsche einmal durch salziges Wasser zu fahren.
Jedes Boot hatte auf seinem Deck eine Nummer eingraviert, damit man es von
den anderen unterschieden konnte. Unser kleines Boot trug die Nummer eins.
"Hast du ein Leck?", grölte Nummer sieben, "Warum fragst du nicht gleich ob
wir uns von Möwen anpissen lassen wollen?" Damit brach ein schallendes
Gelächter unter den Schiffchen aus.

Den anderen Booten war es nicht wichtig, wo sie sich befanden. Sie waren
damit zufrieden jeden Tag, jede Nacht im Kreis zu treiben. Unter den
blinkenden Lichtern des Vergnügungsparks fühlten sie sich beheimatet, der
Klang des Technogewirbels jede Nacht machte sie stark. Ja, sie gehörten
hierher. Das Leben wurde hier gelebt. Es gab keinen anderen Ort, an dem
Menschen soviel Spaß hatten wie hier. Die Aufgabe der kleinen Schiffchen war
es sie zu unterhalten.

Eines Nachmittages, kurz bevor der Ansturm der Besucher zu erwarten war
kamen sich der Besitzer der paar Attraktionen, zu denen auch unser kleines
Boot gehörte, und einer seiner Angestellten in die Haare. Der
Schießbudenbesitzer hatte sich schon wieder betrunken. Torkelnd schwankte er
von einem Bein aufs andere und beschimpfte den kleinen glatzköpfigen
Untergebenen, der versuchte ihn zu beschwichtigen.
Einige der Besucher waren stehen geblieben und beobachteten aus sicherer
Entfernung den Radau. Dabei wurden Köpfe geschüttelt und Kommentare
abgelassen.
Doch wissen konnte keiner worum es ging. Die Sache war diese: Seitdem die
finanzielle Situation des Schießbuden-, Lachkabinetts- und Bootsbesitzers
immer schlechter geworden war, hatte ihn seine Frau kurzerhand vor einem
halben Jahr verlassen.

Die Bank stieg ihm immer mehr auf die Füße, seine Tochter kannte er nur mehr
von Bildern, war sie doch vor einigen Jahren mit einem attraktiven Italiener
in die Ferne gewandert und sein Sohn teilte die Sucht genauso gerne wie sein
Vater, war aber vor einem Jahr bei einer Schießerei festgenommen worden und
genoss nun das Tageslicht durch die Gitterstäbe seiner Zelle.

Sein Leben war also am scheitern, darum griff der Bootsbesitzer auch gerne
am Tag zu Flasche.
Nummer eins trieb einsam aus seinem Platz herum und schwieg sein Spiegelbild
an. Den Streit bekam es nicht mit. Auf dem Platz vor dem Becken gab es oft
Krawall.
Dann traf es eine Bierflasche. Das Boot kam ins trudeln. Auf seinem Deck
befanden sich zerbrochene Glassplitter, seine Farbe war durch den Aufprall
leicht abgekratzt. Es schwankte und kippte zur Seite. Sank. Nicht weit, denn
das Becken war nicht sonderlich tief.
Verzerrte Geräusche drangen zu ihm durch. Glücklicherweise konnte es sie von
dort unten nicht verstehen, aber es waren doch einige unschöne
Schimpfwörter.

Am nächsten Tag wurde das kleine Boot aus dem Wasser gezogen. Ein
dunkelhäutiger Mann mit Brille begutachtete es. Murmelte einige Worte in
seinen Bart und packte Nr. 1 in eine graue Plastikplane. Der
Schießbudenbesitzer und sein Angestellter standen schweigend daneben. Sie
schienen sich wieder vertragen zu haben, aber keiner der beiden schaute sehr
glücklich aus.

Unser kleines Boot wurde nun ein einen kleinen Schuppen getragen. Sein Platz
in dem Becken blieb frei. Ein halbes Jahr lang. Dann wurde die Attraktion
geschlossen. Die anderen Boote wurden auf die Müllhalde gebracht.
Nummer eins lag aber noch immer unter der Plastikplane in einer kleinen
Hütte und verstaubte. In der Zeit träumte es vom durchsegeln unbekannter
Meere. Die Zeit verging, Jahre trieben vorbei. Das kleine Boot war immer
noch unter all dem Gerümpel vergraben.
Und irgendwann, Jahrzehnte später öffnete sich der Spalt des Schuppens und
ein Lichtstrahl fiel auf den umherliegenden Staub. Er drang sogar durch bis
unter die Plastikplane, denn ganz sorgfältig hatte man das kleine Boot nicht
untergebracht.

Eine Hand zog das graue Ding in die Höhe. Licht umflutete die verstaubte
Nummer eins.
Kinderaufschrei.
"Das kannst du mir doch nicht zumuten," seufzte eine Frauenstimme.
"Ich werde es richten," eine tiefe Männerstimme.
Dann ging die Tür wieder zu. Die Zeit verging. Monate waren vorbeigeflogen.
Doch er kam wieder. Verklebte das Leck auf der Seite der Schiffes, hobelte
die alte Farbe herunter, bemalte es mit neuer Farbe und statt der Nummer
eins auf dem Rauchfang zeichnete er einen Adler, als Zeichen für grenzenlose
Freiheit.

Als die Restaurierung beendet war, fuhr der Mann mit seinem Sohn ans Meer.
Sie hatten eine lange Schnur gebastelt mit der sie das Boot steuern konnten,
damit es ihnen nicht wegtreiben konnte.
An diesem Tag schien die Sonne besonders stark auf die Erde. Bald waren
Vater und Sohn so durstig und hungrig, dass sie eine kleine Pause einlegten
um das mitgebrachte Essen zu verzehren. Sie vergaßen auf das kleine Boot,
dass an deinen Stein gebunden im Meer hin und her schaukelte.

Eine Möwe setzte sich auf die Leine und fing an seine Schnabel daran zu
wetzen. Weil die Schnur aber nicht sonderlich dick war, riss sie nach kurzer
Zeit. Die ehemalige Nummer eins trieb dem Horizont zu. Der Junge hatte
inzwischen sein Mahl beendet und war aufgesprungen. Doch um sein Spielzeug
zu retten, war er zu spät dran, eine Welle trug das kleine Boot aus seinem
Blickfeld.
Frei.


other sizes: small medium original auto
share
Type your message and click Add Comment
It is best to login or register first but you may post as a guest.
Enter an optional name and contact email address. Name
Name Email
help private comment